walter schulze-mittendorff - maschinenmensch

 


4. Der Maschinenmensch der Cinémathèque française


Während eines Bummels über den Kurfürstendamm fallen ihm in den dekorierten Schaufenstern die Schaufensterpuppen mit ihren zur Schau gestellten Kostümen auf. Mit einer Schaufensterpuppe hofft er die Lösung gefunden zu haben, er könnte ihre Form als Modell benutzen. Diese Idee verwirft er zunächst wieder, weil ihm die Gestaltung der Schaufensterpuppen zu sehr auf die moderne Teenagerjugend abgestimmt scheint, und weil sie nicht ganz dem Wesen des Maschinenmenschen entsprechen.

Schlussendlich, nachdem fünf Jahre verstrichen waren, in denen er durch Filmarbeiten keine Zeit zu der bildhauerischen Arbeit fand, hat er sich dann doch dazu entschlossen, eine Schaufensterpupe als Modell  zu verwenden. Er hat deren Form soweit wie möglich der Form der ursprünglichen Figur angepasst – und da das plastische Holz immer noch im Handel erhältlich ist, das Design in der gleichen Weise wie schon gut 40 Jahre zuvor appliziert, diesmal jedoch direkt auf den Körper der Puppe.  


1964 besucht Lotte H. Eisner gemeinsam mit Henri Langlois, dem Mitbegründer der Cinémathèque française, Walter Schulze-Mittendorff ein zweites Mal. Sie hat die Idee, eine Nachbildung des Maschinenmenschen aus dem Film ‚Metropolis’ als Exponat für ein geplantes Museum der Cinémathèque française anfertigen zu lassen. Sie erachtet es als etwas sehr Besonderes, wenn der Künstler, der das Original erschaffen hat, die Figur noch einmal herstellt, quasi als ein zweites Original. Das war in den 1960er Jahren ein sehr vorausschauender Gedanke.


Im Sommer 1961, kurz vor dem Mauerbau, besucht Dr. Lotte H. Eisner, Filmhistorikerin und Grande Dame des deutschen expressionistischen Films, das erste Mal Walter Schulze-Mittendorff in der Erdener Straße 5 in Berlin-Grunewald. Der Bildhauer ist ihr durch seine Werke für den expressionistischen Film aus den 20er Jahren bekannt. Lotte Eisner war als deutsche Jüdin 1933 gezwungen gewesen, 37-jährig Berlin zu verlassen. Seither lebte sie in Paris, wo sie in der Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich dem Terror der Nationalsozialisten ausgesetzt war; sie wurde in Frankreich in einem Konzentrationslager interniert.


In einem Interview* wird Lotte H. Eisner gefragt:

„Haben Sie Ihr Vaterland wiedergefunden, als Sie nach dem Krieg das erste Mal nach Deutschland zurück gingen?“

Sie antwortet:

„Zunächst nicht. Ich ging nach Berlin, um Gerhard Lamprecht, Schulze-Mittendorf, der den Maschinenmenschen für Metropolis gebaut hatte, und Otto Hasler zu besuchen, Menschen, von denen ich wusste, dass sie keine Nationalsozialisten gewesen waren und die darüber hinaus die Verbindung zu dem versunkenen Deutschland durch unsere gemeinsame Arbeit am Film herstellten.“


  1. *Lotte H. Eisner: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland - Memoiren“

Verlag das Wunderhorn, Heidelberg, 1984, Seite 322


Bei diesem zweiten Besuch in der Erdener Straße will Lotte Eisner den Bildhauer für eine Rekonstruktion des Maschinenmenschen  gewinnen. Das Zusammentreffen der Filmhistorikerin mit dem Künstler, dem ich beiwohnen darf, wird von der Einzigartigkeit und Besonderheit begleitet, die außergewöhnlichen Momenten eigen ist. Die Energie und Präsenz, die Lotte H. Eisner ausstrahlt, nimmt jeden gefangen, der ihr begegnet.

Sie unterhalten sich über die Filme, die Walter Schulze-Mittendorff in seiner Schaffenszeit als Kostümbildner ab 1947 für die DEFA (Deutsche Film AG in Potsdam-Babelsberg) und ab 1962 für das westdeutsche Fernsehen ausgestattet hat. Sie reden über ‚Vater Goriot’, einen DEFA- Film nach der Romanvorlage von Honoré de Balzac. Dann wendet sich die eindrucksvolle Dame an mich, eine Fünfzehnjährige, und fragt: „Kennen Sie Balzac?“ Als ich ihre Frage verneine, sagt Lotte Eisner eindringlich „Lesen Sie Balzac, lesen Sie Balzac!“ Daraufhin lese ich Balzac, ein Buch nach dem anderen.

Walter Schulze-Mittendorff, jetzt schon 71-jährig, erkennt sowohl die historische als auch die persönliche Herausforderung der Aufgabe, den Maschinenmenschen nachzubauen und willigt ein. Wie schon bei dem ersten Auftrag von Fritz Lang 1925 stellt sich hier abermals die Frage nach dem Wie: „Wie mache ich das?“ Immer bezieht sich diese Frage darauf, aus welchem Material die Körperform gestaltet werden soll.

Metall kommt überhaupt nicht in Frage, es wäre zu umständlich zu bearbeiten, zu teuer und zu schwer an Gewicht.


Auch die ursprüngliche Prozedur, mittels eines Modells den Körper abzuformen, wie seinerzeit bei der Darstellerin Brigitte Helm, um dann darauf die Form zu gestalten, erscheint Walter Schulze-Mittendorff zu aufwendig und zu teuer. Den Körper selbst zu modellieren ist ebenfalls kaum umsetzbar. Seit 24 Jahren ist er fast ausschließlich als Kostümbildner für den Film tätig und verfügt nicht mehr über ein eigenes Atelier, das eine solche umfangreiche bildhauerische Arbeit ermöglichen würde. Wieder hilft ihm der Zufall weiter.


Das Haus Erdener Straße 5 in Berlin-Grunewald


Walter Schulze-Mittendorff  in seinem Haus, 1971


Der Maschinenmensch, der Robot aus ‚Metropolis’

Nachbau von Walter Schulze-Mittendorff 1972, wie im Musée du cinema zu sehen ist.

©: Cinémathèque française,

Photo by Stéphane Dabrowski


Jetzt ist auch das Design ein gewisses Problem, da es hier einer Vorlage folgen soll. Und obwohl es von ihm selbst kreiert wurde, ist doch im Verlauf der Jahrzehnte, welche teilweise von Terror und Krieg geprägt waren, die Erinnerung daran verblasst. Da er über kein Bildmaterial zum Maschinenmenschen verfügt, sendet ihm die Cinémathèque française das entsprechende Photomaterial. Dann richtet er sich im Haus einen Werkstattraum ein, in dem er den Maschinenmenschen ein zweites Mal erschafft. Die Arbeit an der Nachbildung, deren Idee 1964 entstanden ist, hat fünf Jahre gebraucht, um umgesetzt zu werden. Es soll aber insgesamt acht Jahre dauern, bis die Rekonstruktion des Maschinenmenschen, der ‚Robot’ aus ‚Metropolis’, 1972 im Pariser Filmmuseum, im Palais de Chaillot, zum ersten Mal den Besuchern präsentiert wird. Heute ist dieser Maschinenmensch in Paris im Musée du cinema in der Rue de Bercy zu sehen.


Entwurf eines Briefes von Walter Schulze-Mittendorff an Lotte Eisner von 1964


Die zwei Briefe von Lotte H. Eisner stammen von 1964 und 1970. Die „Figuren von Metropolis“ und die „Masken der Köpfe“, auf die im ersten Brief verwiesen wird, und die „Figuren aus Bronze“ die der zweite Brief erwähnt, beziehen sich auf die Figurengruppe Der Tod und die Sieben Todsünden. Bereits nach dem ersten Treffen 1961 erwähnt Lotte H. Eisner das Interesse an einem „… Guss der Metropolis-Figuren…“ *, eben jener Figurengruppe, Der Tod und die Sieben Todsünden.

* Entnommen einem Brief von Lotte H. Eisner vom 20. Oktober 1961

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